aus: www.woz.ch

Serie (Teil 3):
Die USA im Ausnahmezustand
Mit Henry David Thoreau im Konsumparadies

Lotta Suter
Die kleine Welt der Mall-Walkers

Der neoliberale Unternehmer lagert die Kosten aus, der Kunde externalisiert seine Sorgen. Im künstlichen Raum Einkaufszentrum drehen die Mall-Walkers ihre sportlichen Runden, fernab von Wind und Wetter und ganz unter sich.

Morgens um sieben ist die Welt der Mall-Walkers noch in Ordnung. Denn zu dieser Stunde, Stunden vor der offiziellen Ladenöffnung, machen viele Einkaufszentren in den USA ihre Tore exklusiv für diese spezielle Klientel auf: für Männer und Frauen in beigen Shorts, farbigen T-Shirts, weissen Socken und sauberen Turnschuhen, die mit der Wasserflasche in der Hand oder in der Gürteltasche in dem gedeckten, verwinkelten Gebäudekomplex, kurz Mall genannt, ihre Runden drehen. Sie gehen alle im Uhrzeigersinn und immer der Wand entlang, denn die Strecke ist vom lokalen Mall-Walker-Verein ausgemessen worden. «Einmal rundherum ist eine halbe Meile» _ also achthundert Meter _, «ich mache jeden Tag acht Orbits, also vier Meilen, ausser am Donnerstag, da spiele ich Golf», sagt der fitte Fünfzigjährige mit stramm hochgezogenen Kniestrümpfen, den ich quasi im Laufschritt befrage. Ich habe ihn an mehreren Tagen in der Pheasant Lane Mall, einem Shopping-Center im Norden von Massachusetts, beobachtet; er mogelt nie und schreitet mit seinen langen Beinen auch noch die letzte der schwer vergitterten Ladenfronten ab. Anders als die kleine rundliche Dame in der rosa Bluse, die ab und zu ein wenig diagonal spaziert.

Was bringt diese Leute dazu, sommers wie winters und noch am blauesten Septembertag in diesen klimatisierten Konsumkäfig mit dem irreführenden Namen Fasanenweg zu gehen? Es hat keinen Verkehr, sagen die Mall-Walkers, keinen Regen, keine Sonne, keinen Schnee.
«Und keinen Smog», ergänzt die gesetzte Dame mit der leuchtend roten Haarschleife, während sie ihr Asthma-Inhalationsgerät aus der Tasche fischt. In der Mall ist es nicht heiss und nicht kalt, nicht eisig und nicht windig, nicht einsam und nicht zum Bersten voll. «Hier drin ist alles unter Kontrolle», bestätigt der freundliche Pensionär mit Frau und fügt kichernd hinzu, «am frühen Morgen sogar die Hunde und die Kinderwagen.» Als ich tags darauf lese, wie Justizminister John Ashcroft mit der Terroralarmskala spielt und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Washington D. C. schon mal ein paar Luftabwehrraketen in Stellung bringt, beneide ich den Mann fast um seinen Traum vom sicheren Hort.

Im Zentrum der Mall, das heisst im Kreuzgang der grössten und prestigeträchtigsten Geschäfte des Zentrums, hängt eine grosse amerikanische Flagge vom Obergeschoss herunter, und im Parterre sind ein paar Tische um ein Rondell gruppiert. Zwei, drei Kinder hüpfen über das sternförmige Zentrum des Mosaiks, eingekreist von einem Motto in Goldbuchstaben: «Keine Jahreszeit grössere Freude uns bringt als Sommer, Herbst, Winter und auch der Frühling.» (Was sich im englischen Original noch feiner reimt: «There is no season such delight can bring as Summer, Autumn, Winter and the Spring.»)

Die Platzierung dieses Verses ist noch lustiger, wenn man liest, dass er von Henry David Thoreau (1817_1862) stammt, einem Transzendentalisten aus Neuengland, der ganz in der Nähe des heutigen Einkaufszentrums lebte und verkündete: «Alles Gute ist wild und frei.» Thoreau, der über das Gehen schrieb: «Wenn wir wandern, zieht es uns ganz selbstverständlich hinaus in Wald und Feld: Was würde aus uns werden, wenn wir bloss noch in Gärten und Promenaden spazierten?» Promenaden hiessen im Englisch des 19. Jahrhunderts Malls, und der fälschlich herbeizitierte Naturromantiker und Zivilisationskritiker würde staunen, was aus seinem Plädoyer für ungezähmte, rohe Lebenskraft geworden ist.

Die Mall-Walkers selbst verstehen ihren Morgenspaziergang durch den freien Markt durchaus als Massnahme zur Erhaltung der eigenen Vitalität. Nicht nur die Kunden werbenden Einkaufszentren, sondern auch die HMO und Spitäler empfehlen das Mall-Walken und offerieren mancherorts Gratiskontrollen des Blutdruckes oder des Cholesterinspiegels sowie Kurse im richtigen Gehen _ Diplom inbegriffen. Manchmal sind Ranglisten mit den Namen der aktivsten GeherInnen öffentlich ausgehängt. Die weniger sportlichen freuen sich ab der ersten Runde auf den anschliessenden Kaffee mit Donut-Gebäck, für den sie eigentlich nichts zu zahlen brauchten, wie mir eine kurzatmige Frau umständlich erklärt: Die fünfzig Cents gingen in einen Lotteriefonds mit schönen Preisen wie Mall-Walking-T-Shirts, Mall-Walking-Pins, Mall-Walking-Tassen oder Einkaufsgutscheinen. Der gesellschaftlich weitsichtige Henry David Thoreau kommentierte solch geschäftiges Tun bereits 1851 in seinem Essay «Walking»: «Das Gehen, von dem ich spreche, hat nichts mit so genannten Leibesübungen zu tun, die man sich zu festgesetzten Zeiten zuführt wie der Kranke seine Medizin. Es ist keine Kraftübung, sondern die Unternehmung und das Abenteuer des Tages.»

Zweifellos würde Thoreau, der angesichts der rasanten Industrialisierung des Nordostens Amerikas die Einsamkeit der Wälder suchte, um bewusst zu leben, sich angewidert von der überkandidelten Kulturlandschaft eines Shopping-Centers abwenden. Wer aber glaubt, die Mall-Walkers betrieben bloss Leibesübung, hat sich getäuscht. Sie bilden eine kleine Welt für sich, mit eigenen kleinen Freuden und kleinen Leiden und eigenen kleinen Websites. Sogar einen, wenn auch äusserst sanften Mall-Walker-Porno habe ich auf dem Netz gefunden. _ Hightech-Tom trifft Psycho-Carol auf dem täglichen Mall Walk: «Ist das deine dritte Runde heute?» Bald darauf gemeinsames Pendeln in der Mittagspause vom Arbeitsplatz zur Mall und zurück. Eine kleine Hypnose von Fachfrau Carol führt zum ersten Kuss und ausdauerndes Mall-Walking schliesslich, vermutlich, zum lang ersehnten Beischlaf (nicht in der Mall, sondern daheim auf dem Sofa). So weit die virtuelle Fantasie.

Der Mall-Walking-Alltag ist nicht ganz so heiss. Der eingangs zitierte gradlinige Herr mit den hochgezogenen Socken zum Beispiel hat überhaupt nichts Erotisches an sich. Er ist nicht einmal sozial, sondern läuft stets allein und stets im oberen Stock, denn nur da kann er vorwärts kommen. Unten geht nämlich der Mall-Walking-Plebs, da versperren die Trödler, die Zögerer, die Unsportlichen den Weg zum Erfolg. Das etwas rundliche Rentnerpaar im Unisexlook wählt ebenfalls den oberen Stock, weil es dort heller ist _ «wenn auch etwas warm zu dieser Jahreszeit» _ und familiärer. «Wir kommen wirklich jeden Tag, nur freitags nicht, da gehe ich zum Coiffeur», lächelt die weibliche Hälfte und prüft automatisch den Sitz ihrer noch makellosen, bläulich schimmernden Löckchen. Im unteren Stock wiederholen sich die Antworten: Lob der immergleichen Temperatur, der immergleich sauberen und ebenen Böden, der immergleich freundlichen und anonymen Atmosphäre. «Wir Mall-Walkers kennen uns nicht, aber wir winken uns zu», sagt eine Habituée begeistert, «wir sind mit der Umgebung vertraut.» Und ihr Mann ergänzt: «Das Mall-Walking gibt uns einen Grund aufzustehen, einen Ort, wo wir hinkommen können.»

Vor hundertfünfzig Jahren bereits hat sich Henry David Thoreau, der selber jeden Tag einen mehrstündigen Spaziergang in der freien Natur absolvierte, über die Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit seiner Nachbarn aufgeregt, die Wochen, Monate, ja Jahre eingeschlossen in ihren Büros und Geschäften verbringen. «Ich wundere mich, dass zu bestimmten Zeiten, so zwischen vier und fünf nachmittags, wenn es zu spät ist für die Morgenzeitung und zu früh für die Abendausgabe, strassauf, strassab keine allgemeine Explosion zu hören ist, die die ganzen verstaubten Studierstubenweisheiten und hausgemachten Launen zur Auslüftung in alle Winde verstreut _ auf dass das Böse sich selbst kuriert.»

Wie kommt ein modernes Einkaufszentrum dazu, sich ausgerechnet einen libertären Freigeist wie diesen Thoreau zum Lokalpatron zu machen? Einen Naturalisten, der sich freute, dass «der Mensch und seine Geschäfte» so wenig Raum im Universum einnehmen, und der das nordamerikanische Fortschrittssymbol seiner Zeit schlechthin, die Eisenbahn, in seinen Schriften gnadenlos demontierte: «Was bedeutet mir die Eisenbahn! Ich werde nie hingehen und sehen, wo sie endet. Sie füllt ein paar Löcher und schafft Nistplätze für die Schwalben. Sie wirbelt ein wenig Staub auf, und an den Böschungen wuchern Brombeerhecken.»

Wieso braucht es in dieser durchgestalteten Kunstwelt der Mall ein Gedicht über Jahreszeiten? Und da wir schon dabei sind: Wieso werden mir von meiner Bank regelmässig Checkbücher angeboten, die diskret mit Baummotiv oder Rosen oder Vögelchen unterlegt sind? Wieso haben gewisse Computer Äpfel im Design? Was bringt meine Tankstelle dazu, die Werbung für Dunkin-Donut-Kaffee und günstige Auto-Occasionen plötzlich durch «Erhöre unsere Gebete _ Heile unser Land» zu ersetzen?

Was ist das für eine Art Geschäft? Was haben Schöpfung und Schöpfer im Detailhandel verloren? Wenn Präsident Bush in seiner Kriegspropaganda Konsumismus mit Patriotismus gleichsetzt, vergleicht er wenigstens Birnen und Äpfel _ bzw. Wirtschaft und Politik _, also ungleiche Dinge, die aber doch zusammengehören. Doch wie soll ein Thoreau in der Mall überleben?

Es stimmt, dieser Philosoph und Landvermesser aus Concord, Massachusetts, war selber ein Mann voller Widersprüche: Er verehrte das Ursprüngliche, Unzivilisierte, lernte die Welt mit Ausnahme seiner nächsten Umgebung aber hauptsächlich aus Büchern kennen. Er schwärmte für virile, ja soldatische Helden, war selber aber ein äusserst freundlicher Hausmann, der stundenlang mit Kätzchen spielen konnte. Die Bearbeitung der «jungfräulichen Erde» war für ihn die Hauptmission der Neuen Welt, der Farmer sein Idealtyp, er selber jedoch hielt zu entsprechenden Projekten bewusst Distanz. Thoreau wusste einiges über die Indianer und schätzte ihr Wissen um die Natur, trotzdem mythologisierte er die Westexpansion der Weissen, welche den Untergang der eingesessenen Völker bedeutete. «Ich muss nach Oregon, nicht nach Europa gehen», rief Thoreau pathetisch aus und erging sich in metaphysischer Schwärmerei über die Wildheit und Grösse Amerikas, die grossartigen Landschaften der Neuen Welt, die einen grossartigen neuen Geist schaffen werden: «Ich bin überzeugt, dass unsere Gedanken klarer, frischer und höher sein werden, wie unser Himmel höher und blauer ist; unser Verständnis umfassender und weiter wie unsere Ebenen, unser Intellekt grossartiger wie unsere Blitze und Donner, unsere Flüsse und Berge.»

Aber auch das wohltemperierte Revier der Mall-Walkers ist nicht vollkommen spannungsfrei. Im «Kompletten Handbuch für Mall-Walkers» nehmen die Ratschläge zur Überwindung der Monotonie der Gehroutine den breitesten Raum ein. Gemeinsames Walken wird als Gegenmittel empfohlen, das Ausschauhalten nach Sonderangeboten, motivierende Musik über Kopfhörer, soziale Anreize wie Walking-Wettbewerbe mit attraktiven Preisen, sogar jenes Geografiespiel, mit dem uns die Eltern früher auf langen Autofahrten unterhielten, wird empfohlen. Dazu calvinistische Disziplin für klar gesteckte Ziele plus kalorienarme Zückerchen als Belohnung nach getaner Geharbeit. Tipp 9 heisst: «Dies ist deine Zeit. Träume von einem eigenen Garten, von einer Reise, von einem schönen Essen, von Dingen, die du zustande bringen möchtest.» Auch noch unter der gedeckten Kuppel des Konsumtempels ahnt der Mall-Walker offenbar die Existenz der höheren Himmel. Er will aber auf Nummer sicher gehen und seine Schäfchen sowie seine Füsse auf jeden Fall im Trockenen behalten.