LeserInnenbrief an die alhambra zeitung
zur Rezension des Buches von Matthias Bröckers und dem Interview mit dem Autoren
(November-Ausgabe):


Die Krise der Linken ist seit langem offenkundig. Und es brauchte nicht die Anschläge vom 11.09.2001, um zu der Einsicht zu gelangen, dass die Linke auf die veränderten Verhältnisse in der Welt seit 1989 noch immer keine Antworten hat. Es mangelt an klugen Gedanken, die über altbekannte „Wahrheiten" und Allgemeinplätze hinausgehen, und schlimmer noch: Es mangelt an der Bereitschaft, sich der Anstrengung hinzugeben, radikale Kritik jenseits liebgewordener Theorieschemata neu zu denken, und es auszuhalten, dass solcherlei Kritik heute weder direkt in eine widerspruchsfreie Praxis mündet noch ein besonders reichhaltiges Angebot an Identifikationsobjekten für die internationale Solidarität bereit hält.

Nun gibt es genug gute Gründe, an der offiziellen Version über den 11.09.01 zu zweifeln und den „Kampf gegen den Terror" mitsamt seinen Sicherheitspaketen und Kriegen im Namen der Neuen Weltordnung zu kritisieren oder besser noch: zu sabotieren und anzugreifen. Verschwörungstheorien à la Matthias Bröckers allerdings gehören da eher zu den schlechteren. Sie bieten doch wieder nur alten Wahn in neuen Schläuchen.

Zugegeben, das Buch von Bröckers habe ich nicht gelesen. Rezension und Interview sprechen allerdings Bände. Wäre es nur die Buchbesprechung gewesen, hätte man das „The WTC Conspiracy" einfach unter Kuriositäten linker Hilflosigkeit verbuchen können. Der Witz eines US-Sicherheitsberaters (um 10.37h, nur 50 Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs ins WTC!!) als Hinweis darauf, dass auch die Amis einer Verschwörungstheorie anhängen? Naja. Und hierzulande die Verschwörung „der großen Presseorgane", weil der SPIEGEL diejenigen „in den Dreck zieht, die sich in Sachen 11.09.2001 auf die eigenen Socken gemacht haben" _ wohlgemerkt aus Sorge um ihr Informations- und Interpretationsmonopol? Okay, okay: „Es hebt die Stimmung."

Das Interview allerdings ist ein Ärgernis. Es hat alles zu bieten, von dem der Autor verspricht, es nicht zu bieten: Verschwörungstheorie, Anti-Amerikanismus, Geschichtsrevisionismus und Ressentiment. Bei dieser Mischung dürfen auch die Juden nicht leer ausgehen.

Der Autor stellt Hitler in eine Linie mit Saddam Hussein und Bin Laden. Richtig, das unterscheidet ihn nicht vom gescholtenen „mainstream der Medien", wohl aber die Begründung: Hitler sei nämlich auch einer der „Hurensöhne" der amerikanischen Außenpolitik: „installiert, mit vielen Milliarden gepusht, gegen die ,sozialistischen' Tendenzen der Weimarer Republik, und dann _ wie Saddam und Bin Laden _ aus dem Ruder gelaufen..." Beweis: die Verflechtungen von IG Farben, DuPont und StandardOil. Es folgt das obligatorische Bekenntnis, die USA deshalb natürlich nicht für den Nazi-Terror verantwortlich machen zu wollen, „aber eine Mitverantwortung scheint mir hier genauso deutlich wie bei Saddam Hussein und Bin Laden".

Seit dem Sieg der Alliierten über Deutschland 1945 gehört es zum Standard-Repertoir der Abwehr deutscher Schuld, darauf zu verweisen, dass der US-Geheimdienst bereits 1942 darüber informiert war, dass in Auschwitz Juden und Jüdinnen systematisch vergast wurden, ohne dass die USA die Bahnwege zum Vernichtungslager bombardiert hätten. Geteilte Schuld ist halbe Schuld, so die deutsche Rechnung. Bröckers Auslassungen sind nur die StaMoKap-Version für die Linken.

Gegen Ende wird Bröckers nach Henryk M. Broder befragt. Broder ist kritischer Journalist und schreibt u.a. für den SPIEGEL. Und er ist Jude. Während des Zweiten Golfkriegs brach er mit der Linken, weil sie kaum Interesse für die Bedrohung Israels durch den Irak zeigte. Broder sagte dazu in einem Interview von 1998: „Bei meinem Streit mit der Linken habe ich nicht Israel verteidigt, sondern die unterschiedlichen Maßstäbe der Linken angegriffen: Israel galt ihnen als Hort des Bösen, die sogenannten Volksdemokratien außenrum wurden gefeiert. Oder wenn ich an Ströbele denke, den Prototypen des linken Antisemiten: Der wollte Israel keine Patriot-Raketen gegen Saddams Giftgas zukommen lassen _ hatte aber keine Schwierigkeiten mit der Kampagne 'Waffen für El Salvador'." Auch ein Teil der Linken, vornehmlich aus der konkret, kritisierte damals die Ignoranz und den als Antizionismus getarnten Antisemitismus der Friedensbewegung. Seither ist das Thema des linken Antisemitismus breit diskutiert worden. Mit unterschiedlichem Erfolg... Bröckers über Broder:

„Schon im Golfkrieg hat sich Broder, einst strammer Anti-Zionist und Linker, als Jubelteutone aufgeplustert und jeden Zweifel an der Operation Wüstensturm als anti-semitisch und anti-zivilisatorisch abgemeiert. Jetzt spricht er schon wieder Denkverbote aus und bezeichnet jeden, der nicht auf seiner Linie ist, als ,krank' _ ein klassischer intellektueller Stahlhelmträger, der eher in der Tradition eines Goebbels steht als in der eines kritischen, aufgeklärten Kosmopolitismus."

Es blühen die Projektionen: Jubelteutone, Stahlhelmträger, Goebbels. Deutlicher kann sich das Ressentiment kaum äußern. Und die ,jüdische Lobby' (der „mainstream der Medien"?) schlägt auf jeden ein, „der nicht auf seiner Linie ist", und spricht _ schon wieder! _ Denkverbote aus. Möllemann lässt grüßen.

Dass die Linke auch ein Tummelplatz für alle möglichen Spinner und Spinnerinnen _ gefährliche und ungefährliche _ ist... geschenkt. Dass solche Leute Bücher schreiben und Interviews geben... kaum zu verhindern. Aber wie kommt dieses Interview in die alhambra zeitung? Welche Zeile dieses Interviews war es wert, im Monatsinfo eines linksradikalen Zentrums veröffentlicht zu werden? Werden Bröckers Aussagen nicht als Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus par excellence verstanden?

Dass dieses Gespräch offensichtlich _ darauf deuten Auslassungszeichen hin _ auch noch redaktionell bearbeitet wurde, die hier zitierten Passagen also ausdrücklich nicht der Kürzung anheim gefallen sind, macht diese Fragen nur umso dringlicher.

f.l.a.u.b.e.r.t.

 

Erste Antwort vom Empfehler des Interviews
und Autor der Rezension:

Nun ist es so, das sog. Linke öffentlichkeit sich (auch) dem umstand verdankt, das die bürgerliche presse als durch und durch verlogen galt und gilt. Die mit unzähligen werbeanzeigen durchzogenen magazine usw. nach dem prinzip funktionieren, das der redaktionelle teil oft nur die fortsetzung der werbeanzeigen mit anderen mitteln sich darstellt.

Die für alle direkt nachvollziehbare manipulationsmöglichkeiten zb. Der springerpresse, konnte man anlässlich der schüsse auf rudi dutschke sehen.

In den anfangstagen der damals noch jungen bewegung wurde diesem umstand rechnung getragen indem linke publizistik „gegenöffentlichkeit" genannt wurde.

Etwas anderes sollte auch dieses interview mit matthias broeckers in der letzten ausgabe der alhambra-zeitung nicht sein. Es sollte einfach nicht hingenommen werden, das die us-regierung eine halbe stunde nach den anschlägen auf das wtc der welt verkünden kann, bin laden sei der täter, ohne einen einzigen beweis vorzulegen. Zwar musste die bürgerliche journaille zugeben, das es keine „gerichtsverwertbaren" beweise gegen bin laden gibt. Aber das scheint sie nicht sonders zu stören, weil sie im stile von „osama war`s", munter weiterschreibt. Broeckers geht jedenfalls der interessanteren frage nach inwieweit teile des us-etablishment in die sache verwickelt ist. Das die redaktionelle bearbeitung des interviews nicht so recht gelang ist aber eine andere sache.

 

Anmerkung der Redax:

Wir können dem Leserbrief von f.l.a.u.b.e.r.t in vielen Punkten zustimmen.

Es ist natürlich daneben, einen jüdischen Menschen mit Goebbels zu vergleichen. Die Person Broder war aber nie Thema in der Redax, da in dem Interview alle den Streit Bröckers/Broder betreffende Passagen eh rausgeschmissen werden sollten. Auch der zitierte Vergleich. Ist leider nicht passiert.

Und natürlich ist es äußerst merkwürdig, Hitler als von der USA installiert zu betrachten. Wir haben die Formulierung aber anders interpretiert als f.l.a.u.b.e.r.t.. Bröckers wollte unserer Meinung nach lediglich benennen, daß auch einige US-Konzerne das NS-Regime unterstützt haben. Und strukturelle Vergleiche zwischen Hitler, Hussein und Bin Laden bedeuten keine Gleichsetzung.

Wir müssen aber einräumen, daß viele Formulierungen missverständlich klingen. Der Abdruck dieses Interviews war im Nachhinein gesehen ein Fehler.

Im Gegensatz zu f.l.a.u.b.e.r.t finden wir es jedoch eher interessant, Bröckers nicht unbedingt linke, aber kritische Fragesstellungen zum 11.9. zur Kenntnis zu nehmen.