Zur Lage in der Türkei - Leserbrief und Antwort


Wie schon in der letzten Alhambra-Ausgabe angekündigt, hat uns am 21.10.2001 über E-Mail ein Leserbrief errreicht, den wir Euch nicht vorenthalten möchten. Eine Antwort von uns gibt es natürlich auch.

Hey leute,

es kotzt mich an, wie einseitig Ihr über diese Gefängnisgeschichte berichtet! Natürlich ist es traurig, das Menschen sich umbringen bzw. sich zutodehungern - steht nicht zur Debatte. Aber wisst Ihr wie es im türkischen Knast wirklich zugeht? Habt Ihr überhaupt einen reelen Einblick wie die Strukturen in den Gefängnissen dort aussehen? Wisst Ihr, daß es in den meisten Knästen kriminalitätmmäßig schlimmer zugeht als in manchen deutschen „harten Vierteln"? Habt Ihr einen Plan was für Maffia mäßige Organisationen dort am „regeln" sind.Wisst Ihr, das in einigen Knässten die Polizei seit mehreren Monaten Jahren nichts mehr machen kann - darf? Wißt Ihr daß teilweise Gefangene, die sich nicht den „Cette" ( Clan ) anschließen, teilweise mit dem Tod bedroht werden, um an solchen „Widerstandsaktionen" teilzunehmen? Oder glaubt Ihr wirklich, da§ es so viele bamherzige „Kämpfer" gibt, die selbstlos ihr Leben opfern? Seid Ihr denn wirklich so einseitig , das Ihr der Propaganda vorbehaltlos glauben schenkt? Ich weis auf alle Fälle wovon ich spreche, bitte glaubt mir. An dieser Stelle möchte ich jedoch nicht genauer darauf eingehen, wäre aber bereit, meine Erfahrungen darzulegen. Ich möchte und kann als menschlicher Mensch nicht abstreiten, daß in den meisten türkischen Gefängnissen nicht alles „in Ordung" ist, aber das kann es aus der Sicht eines Europäers auch nicht. Das der Staat nicht alles oder leider vieles nicht richtig macht ist nicht von der handzuweisen. Das ist auch nicht mein Gedanke. Vielmehr würde ich euch doch bitten als „Verfächter der Wahrheit" euch doch mal bitte beide Seiten der Medaille anzusehen, und wirklich objektiv und unvoreingenommen eueren Blick darauf zu werfen, um dann wirklich auch nicht nur als Sprachrohr oder Instrument der vielen Spalter dazustehen. Dazu solltet Ihr vielleicht auch wenn es schwierig ist nicht nur mit den Leuten „reden", die es ganz besonders wichtig haben an die Öffentlichkeit zu kommen, sondern auch nach den andere und ich meine damit nicht irgendwelche Politiker suchen, die es möglicherweise garnicht so irrsinnig wichtig haben sich zu solchen Sachen zu äußern. Wenn natürlich euer streben ist, den türkischen Staat als Menschenfeind und als „nicht Europafähig" darzustellen um damit die verschiedensten contratürkischen Gruppierungen zu unterstützen, dann keep on doin like that.

Ein Leser,

gentFELLA@hotmail.com


Oldenburg, den 13.11.01

Hallo gentFELLA!

Vielen Dank für Deine Mail vom 21.10.01. Jede Reaktion auf unsere Türkei-aktuell-Seiten freut uns, zeigt uns das doch, dass es nach wie vor Interesse an der Situation in den türkischen Knästen gibt. Insofern können wir Dir und natürlich allen anderen - nur Mut machen, die Türkei-aktuell-Seiten wie auch die alhambra zeitung insgesamt als Diskussionsforum zu nutzen!

Nun zu Deinem Beitrag: Es ist uns leider nicht ganz klar geworden, worauf Du wirklich hinaus willst. Du bemängelst zum einen, wir würden zu einseitig berichten. Wir hätten keine Ahnung, wie es in türkischen Knästen wirklich aussehe, und seien der Propaganda der Todesfastenden, die in Wirklichkeit Mafiosi und Spalter sind, auf den Leim gegangen. Stattdessen sollten wir auch „die andere Seite" sehen und nicht nur die „contratürkischen Gruppierungen" unterstützen. Wir sollten vor allem Leute zu Wort kommen lassen, „die es möglicherweise gar nicht so irrsinnig wichtig haben, sich zu solchen Sachen zu äußern".

Vorab: Wir verstehen uns als Bündnis, das solidarisch mit dem Widerstand in den türkischen Knästen ist. Unsere Seiten in der alhambra zeitung verstehen wir als Gegenöffentlichkeit. Unser Eindruck ist, dass gerade die bürgerlichen Medien sehr einseitig über das Todesfasten und die Zustände in den türkischen Knästen berichten. Erklärungen der Betroffenen selbst sind dort überhaupt nicht zu finden. Und auch sonst ist bei uns so einiges zu lesen, was man sich sonst mühsam aus dem Internet zusammensammeln muss. Insofern ist es gar nicht unser Anliegen, ausgewogen und allumfassend zu berichten, sondern wir stellen Informationen zur Verfügung, die im Blätterwald sonst untergehen. Und natürlich: Wir lassen die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Das ist Gegenöffentlichkeit. Leider ist es bisher zu kurz gekommen, die gesammelten Informationen in eigenen Texten und Analysen einzuordnen und einzuschätzen. Das bekommen wir in Zukunft hoffentlich besser hin.

Wen Du ansonsten mit den Leuten meinst, denen wir darüber hinaus hier Aufmerksamkeit schenken sollten, ist uns ein Rätsel geblieben. Dazu müsstest Du Dich gegebenenfalls konkreter äußern.

Zu dem Todesfasten und der Situation in den Knästen: Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass es sich bei den F-Typ-Gefängnissen in der Türkei, gegen die sich der Widerstand vornehmlich richtet, um Isolationsgefängnisse nach dem Vorbild des Isoknastes in Stuttgart-Stammheim handelt. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Isolationshaft an sich („weiße") Folter ist. Der vollständige Entzug aller Sinnesreize hat die psychische und physische Erkrankung des Menschen zur Folge bis hin zum Tod. Darauf haben auch Organisationen wie amnesty international immer wieder hingewiesen. Wenn der türkische Staat, wie von der EU gefordert, sein Gefängnissystem nun (wie es immer so schön heißt) auf „europäischen Standard" bringt, dann wird die in der Türkei gängige blutige Folter noch durch eine andere Form der Folter ergänzt, die tatsächlich in Europa zum Standard gehört. Ein Leben in Würde ist unter solchen Umständen nicht möglich. Im Gegenteil: Dieses Knastsystem hat zum Ziel, die Menschen zu brechen, ihre Gesinnung zu brechen. Genau deshalb haben die revolutionären Gefangenen entschieden, ihren Hungerstreik notfalls bis zum Tod durchzuführen, weil es ein erträgliches Leben in den neuen Knästen nicht geben kann.

Das ist auch für uns eine der zentralen Grundlagen, warum wir die Gefangenen in ihrem Widerstand vorbehaltlos unterstützen. Sie fordern nichts weiter als ihre minimalsten demokratischen Grundrechte ein: Die Abschaffung der Isolation, das Ende der Folterungen und die Bestrafung der Folterknechte und der Verantwortlichen. Andererseits ist es für uns selbstverständlich wichtig, dass es sich bei den Todesfastenden um revolutionäre Linke handelt. Auch wir glauben nicht, dass es sich dabei um „barmherzige Kämpfer, die selbstlos ihr Leben opfern", handelt. Der Kampf für eine befreite Gesellschaft ohne Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaft ist nie ein völlig selbstloser. Er speist sich auch aus der Unerträglichkeit des Seins in den hiesigen Verhältnissen und ist damit auch immer ein Kampf für die eigene Befreiung. Auf dieser Grundlage schließlich wächst Solidarität, das Eintreten für die Belange und Interessen anderer und wird so zu einem Kampf, der zentral nicht das eigene Leben, das eigene Selbst im Blick hat, sondern darüber hinausgeht. Er wird zu einem kollektiven Kampf, der selbstlos und nicht selbstlos zugleich ist.

Dass der Widerstand gegen die Einführung der F-Typ-Gefängnisse weder barmherzig noch selbstlos ist, ergibt sich im übrigen aus den obigen Ausführungen, dass ein würdiges Leben in Isolation nicht möglich ist.

Wir wissen nicht, welche Einblicke Du in das Innenleben türkischer Knäste hast oder hattest. Wir haben, und das kannst auch Du uns glauben, unsere eigenen. Daher wissen wir zum einen, dass es natürlich mafiöse Clan-Strukturen in Knästen gibt. Zum anderen wissen wir jedoch auch, dass die revolutionären Gefangenen damit nichts zu schaffen haben. Die kollektiven Strukturen in den Großraumzellen waren und sind für die revolutionären Gefangenen überlebenswichtig; unter anderem, um die Folgen der Folterungen kollektiv auffangen zu können. Dass der Staat zu diesen Zellen keinen Zugang hatte, ist gelogen: es gab und gibt regelmäßige Kontrollen sowohl des Gefängnispersonals als auch des Militärs, begleitet von Brutalität und Folterungen. Das sieht bei der Mafia durchaus anders aus schließlich ist die Mafia ja gerade das Netz aus Staat, Militär und einer spezifischen Form der Kriminalität. Diese Strukturen tastet der Staat nicht an die Militäroperation im Dezember 2000 richtete sich nicht gegen die Mafia, sondern gegen die revolutionären Gefangenen.

Zum Schluss bliebe zu sagen, dass weder die türkischen Organisationen „contratürkisch" sind (sondern antifaschistisch und revolutionär) noch wir das Anliegen haben, den türkischen Staat „als nicht europafähig" hinzustellen. Allerdings sind wir der Auffassung, dass die angestrebte EU-Mitgliedschaft weder in den kurdischen Gebieten noch in anderer Hinsicht eine Verbesserung für die Menschen mit sich bringen wird. Das zeigt nicht zuletzt die Einführung der Isolationsknäste ebenso wie die vom IWF ständig neu auferlegten Strukturanpassungsprogramme, die der Bekämpfung der Wirtschaftskrise dienen sollen und doch nur immer neue Kahlschläge im Sozialsystem zur Folge haben.

Über eine Antwort von Dir würden wir uns freuen!

In diesem Sinne

Revolutionäre Grüße

Bündnis gegen Isolationsfolter, Oldenburg