[Kurze Geschichte des Streiks aus der Sicht einiger UnterstützerInnen]
(geschrieben Dezember 06)

Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es die zentrale Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Blankenburg. Genauso lange dauert der Kampf um die Abschaffung des Lagers und die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in Oldenburg an, mal mehr und mal weniger intensiv.

Mit dem AntiLagerAktionstagen im September 2006 sollte der antirassistische Widerstand in Oldenburg und Blankenburg wieder einmal deutlich werden. Im Alhambra, einem links-autonomen Zentrum in Oldenburg hatten sich dafür ein paar alte und neue antirassistische AktivistInnen zusammengefunden. Das Ziel war, einen Ort zu schaffen, an dem AntirassistInnen aus Oldenburg und BewohnerInnen aus Blankenburg in Kontakt und Diskussion kommen können. Die Hoffnung war, dass daraus Widerstand gegen das Lager und das dahinterstehende rassistische System entstehen könnte.

Doch zwei Tage nach Ende des Camps, auf dem vorsichtig ein Folgetreffen vereinbart worden war, geschah etwas viel Genialeres:

200 Menschen aus Blankenburg organisierten sich, demonstrierten, beschlossen Forderungen, die die Lebensbedingungen in Blankenburg erträglicher machen sollen und traten in den Streik.

Es folgten vier unglaublich intensive Wochen: Mehrmals wöchentlich gab es Treffen mit 70 bis 80 Menschen. In verschiedensten Sprachen wurden gemeinsam Strategien diskutiert und Politik gemacht. Bis tief in die Nacht wurden Flugblätter geschrieben, Transparente gemalt, das Essen verteilt. An unterschiedlichen Orten wurde mit Menschen aus vielen Städten demonstriert und spontane „Demo-Konzerte“ powerten die Beteiligten auf. Neben den großen Demos fanden auch kleine Aktionen statt, z.B. wurden Oldenburger Institutionen (Fraktionen, Uni, Kirchen, Arbeitslosenselbsthilfe) besucht. Daraus entstand eine Zusammenarbeit mit kirchlichen Organisationen und der Uni. Außerdem begannen Verhandlungsgespräche mit einigen Fraktionen, die zu der Verabschiedung einer Resolution des Stadtrates am 20.11.06 führten, die auf Verbesserungen in Blankenburg abzielte.

Auch vor dem Haus des Lagerleiters Lüttgau, mitverantwortlich für die Bedingungen im Lager Blankenburg und Bramsche, gab es eine Aktion mit einem symbolischen Zaun, Flugblättern für die Nachbarschaft und Schildern, wie „Lüttgau abschieben“, „Besuchsverbot“. Lüttgau drehte durch. Aktion erfolgreich.

Vom 21.11.06 bis zum 5.12.06 streikten auch die BewohnerInnen des Lagers in Bramsche/Hesepe. Es gab ebenfalls zahlreiche Aktionen, z.B. fand eine Torblockade statt, Demos wurden organisiert und es wurden 20 Meter des Lagerzauns entfernt. Die Blankenburger/Oldenburger AktivistInnen sahen den Widerstand in Bramsche/Hesepe auch als den ihren an und beteiligten sich an Aktionen und unterstützten die Essensversorgung der Streikenden.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Aktionen auf unterschiedlichen Ebenen stattgefunden haben, von Gesprächen mit den Verantwortlichen über Selbstorganisierung und Informations-veranstaltungen bis hin zum militanten Widerstand.

Der Streik im Lager Blankenburg zog ein großes Interesse der Presse auf sich. Am Anfang gab es sehr negative Berichterstattung, wie zum Beispiel die dauernde Pressehetze der lokalen Monopolzeitung NWZ, in der rassistische Stereotypen reproduziert und die Forderungen der AsylbewerberInnen als lächerlich diffamiert wurden. Nach einer erfolgreichen Pressekonferenz vor dem Lager Blankenburg änderte sich dies teilweise und die Kritik der BewohnerInnen wurde zumindest öffentlich diskutiert.

Der Mut und die Stärke der Menschen aus Blankenburg motivierte auch viele OldenburgInnen, sich an den Demonstrationen und Treffen zu beteiligen.

Entstanden ist nun eine Zusammenarbeit, die wirklich besonders ist: Wir sind einige mehr geworden im Kampf gegen Lager und Rassismus. In Arbeitsgruppen wird der Widerstand auf verschiedenen Ebenen weiter vorangebracht und kontinuierlich sind wir gemeinsam in Aktion.

Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem wir „einen langen Atem brauchen“, denn leider werden Veränderungen nicht schnell eintreten. Und wir brauchen viele Menschen, die den Protest mittragen und in den Arbeitsgruppen mitarbeiten, damit der Druck, den wir aufgebaut haben und der bislang schon für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat, nicht nachlässt.

Auch wenn die Runden Tische und Versprechen der Lokalpolitik ein Ansatz zur konkreten Veränderung bieten können, setzen wir weiter darauf, dass letztendlich nur die Selbstorganisierung und der Widerstand etwas in Bewegung setzen wird.


Zum Streik aus der Sicht eines Flüchtlings]
(geschrieben November 06)

Früher dachte ich, alle Deutschen wären RassistInnen. Ich dachte, dass sie alle AusländerInnen verabscheuen, besonders die mit schwarzer Haut. So wurde es uns AsylbewerberInnen auch eingeschärft.

Aber zu meiner großen Überraschung finde ich mich in einer Arbeitsgruppe wieder, zusammengesetzt aus Deutschen und anderen europäischen Nationalitäten, in der jeder Mensch gleichberechtigt ist. Bei Ihnen ist jeder Mensch gleich, es gibt keine rassistischen Unterschiede. Schlimmer noch, die Kommunikation ist perfekt und die Arbeitsatmosphäre sehr gut. Unglaublich – nicht wahr?

Seit ich in dieser Arbeitsgruppe arbeite, haben sich viele Dinge für mich verändert, ich fühle mich nicht länger einsam. Ferner habe ich mit dieser Arbeitsgruppe viele Sachen gelernt, beispielsweise welche Rechte wir AsylbewerberInnen haben. Da wir AsylbewerberInnen die ganze Zeit an den Rand gedrängt und verhöhnt werden, erfahren wir unmenschliche Behandlung. Aber heute weiß ich, welche Rechte alle AsylbewerberInnen wie wir haben.
Beim Arbeiten mit dieser Gruppe habe ich viele Kontakte geknüpft. Es sind gutwillige Menschen, die bereit sind, sich die Probleme von uns AsylbewerberInnen anzuhören, die bereit sind, Lösungen für unsere Probleme zu finden und uns sowohl finanziell als auch moralisch zu helfen.

Flüchtlingsbrüder und -schwestern, folgt uns, damit unsere Gruppe wachsen kann, damit wir unsere Ideen mit dieser Gruppe teilen können und gemeinsam gegen alle Personen und alle Autoritäten kämpfen, die versuchen, unsere Rechte nicht zu würdigen.